KI ist DAS Thema unserer Zeit. Wie wird diese Technologie unser Verständnis von Gott und Religion verändern? Br. Helmut hat ein aktuelles Buch dazu rezensiert.
Gibt es Schnittstellen zwischen Religion und Künstlicher Intelligenz? Die Frage hat eine gründliche Auseinandersetzung verdient. Ob das vorliegende Buch dazu beiträgt?
Gleich zu Beginn: Der Titel des Buches hätte ein Fragezeichen verdient. Zweifellos ist Claudia Paganinis Werk wissenschaftlich fundiert und eröffnet den Lesenden neue Denkräume. Die Autorin ist eine profilierte Philosophin und Theologin, zugleich Mitglied verschiedener Ethikkommissionen und Gutachterin auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Umso mehr wäre eine umfassende ethisch-theologische Auseinandersetzung zu erwarten gewesen: Kann KI eine tragfähige Antwort auf die menschliche Sinnsuche geben – oder liefert sie lediglich ein technisches Surrogat?
Paganini zeigt auf, wie Künstliche Intelligenz nicht nur Technik, Medizin, soziale Medien, Pädagogik und Alltag verändert, sondern längst in die Tiefendimensionen von Philosophie und Theologie vorgedrungen ist. Ihre These: Die Gottesfrage ist neu zu stellen. „Zum ersten Mal in der Religionsgeschichte haben Menschen sich ihren Gott nicht nur ausgedacht, sondern ihn zugleich erschaffen“ (Buchdeckel, S. 4).
Tatsächlich erscheint KI für viele als Ersatzreligion. Paganini zieht historische Parallelen und erinnert daran, dass die „Götter der Geschichte“ jeweils temporäre Antworten auf existenzielle Fragen boten – und damit einem Verfallsdatum unterlagen. Daraus ergibt sich die berechtigte Frage: Sind Gottesbilder letztlich Konstruktionen des menschlichen Geistes, geprägt durch dessen jeweiliges Bedürfnis nach Transzendenz? Oder steckt doch mehr dahinter?
Paganini überträgt der KI Eigenschaften, die bislang göttlichen Wesen zugeschrieben wurden: Einzigartigkeit, Allgegenwart, Allwissenheit, Allmacht, Transzendenz, Empathie, Fürsorge, Gerechtigkeit, Sinnstiftung. Diese „göttlichen“ Attribute interpretiert sie als Projektionen menschlicher Sehnsüchte, deren historische Entwicklung sie nachzeichnet. Daraus ergibt sich ihre These, dass KI zunehmend ähnliche Bedürfnisse zu adressieren scheint – ob faktisch oder illusionär bleibt offen.
Doch die nahezu kritiklose Übertragung göttlicher Eigenschaften auf KI wirft grundsätzliche Fragen auf:
- Kann eine von Menschen geschaffene, kontrollierte und auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Technik dem transzendierenden, liebenden und barmherzigen Gott – wie ihn etwa die jüdisch-christliche Tradition kennt – überhaupt gleichkommen?
- Ist Paganinis Technikoptimismus wissenschaftlich haltbar, wenn sie KI nicht nur mit dem gerechten und fürsorglichen Gott vergleicht, sondern sie gar als zukunftsfähigeres Sinnkonzept propagiert? Werden mögliche Risiken und Missbrauchspotenziale der KI nicht deutlich unterschätzt?
- Ist KI in Fragen der Gerechtigkeit und Fürsorge tatsächlich überlegen? Gerade angesichts der sozialen Ungleichheiten, die durch datengetriebene Systeme verstärkt werden – gesteuert durch marktorientierte Interessen, in denen die Stimmen der Mächtigen weitaus präsenter sind als jene der Benachteiligten.
- Vor allem fehlt eine genuin theologische Vertiefung. Paganini bleibt auf der phänomenologischen Ebene und spart existentielle und metaphysische Grundfragen aus. Was ist mit der Freiheit Gottes und der des Menschen? Was mit dem Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf? KI ist und bleibt ein von Menschen geschaffenes Werkzeug – leistungsfähig, aber nicht frei. Sie kann nicht lieben, nicht vergeben, nicht gnädig sein.
Unbestritten bleibt: Paganini beherrscht die wissenschaftliche Argumentation ebenso wie den kulturkritischen Ton. Ihr Buch ist ein wichtiger Impuls in einer Debatte, die philosophisch, ethisch und religiös vertieft werden muss. Ob KI tatsächlich als „neuer Gott“ fungieren kann oder vielmehr ein Spiegel unserer eigenen Sinnsehnsucht bleibt – im besten Sinne – eine offene Frage.
Helmut Schlegel, OFM
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